Der Traum von Daidalos (Pandora – Sneak Peek 2)

Ein weitläufiges Turmgeschoss, die Tische voller chaotisch bemalter Pergamente – Konstruktionszeichnungen, unentwirrbare Zeichenkombinationen, Bilder von Maschinen, Landschaftsskizzen… dazwischen Federn, Tintentiegel, Metallräder mit Zähnen, einige goldig-irisierende Perlen in einer kleinen Schale.

Ein hochgewachsener Mann mit einem langem Bart und wirrem Haarkranz steht mit Zirkel und Feder vor einem großen Pergament. Er fährt plötzlich herum, dass sein kurzer Mantel rauscht, mit entsetzt aufgerissenen Augen, dann beruhigt er sich schnell. „Ach, du bist es… was? Wer… was willst du hier?!“

Ein Mann tritt ins Bild, riesig, bärtig muskelbepackt, leicht hinkend, du kannst ihn nur von hinten sehen. „Ich muss mit dir reden, Daidalos.“ – „Versuch nicht, mich von meinem Plan abzubringen. Minos wird mich nicht mehr herauslassen, wenn er das alles herausfindet. Er wird mich umbringen, aber ich kann noch nicht sterben. Es gibt noch so viel zu lernen, zu erforschen, zu konstruieren, so viele Probleme zu lösen…“ Der große Mann verschränkt die Arme vor der Brust und schweigt.

„Wir haben uns doch immer gut verstanden. Und das Wissen der Atlanter war eine Offenbarung für mich. Versteh doch, dass diese Sache einfach nötig ist. Zeus mag mich hassen, wenn er herausfindet, was ich alles vermag, aber du… du verstehst, was mich antreibt.“ Immer noch schweigt der Muskelberg.

„Und überhaupt… wer sagt, dass die Atlanter nicht recht haben? Die Geschichte von Pandora pfeifen ja die Spatzen von den Dächern. Die Welt ist im Wandel. Ich meine… nicht, dass ich behaupten würde, du und die deinen wären nicht im Recht oder wüssten nicht, was sie tun… aber vielleicht…“

Nun spricht der große Mann; seine Stimme tief, dunkel und laut. „Sei vorsichtig, was du sagst, Daidalos. Ich habe dich immer gewähren lassen, habe dich selbst in Geheimnisse eingeweiht, von denen meine Geschwister behaupten würden, dass sie nicht in Menschenhand gehören, aber ich hatte eine Schwäche für dich. Aber höre mir jetzt genau zu; wenn du und deine Schüler diesen Plan ausführen, habt ihr meinen Schutz verwirkt. Ich werde dich nicht aufhalten. Aber wenn du glaubst, dass die Menschen vielleicht wirklich ohne die Götter besser dastehen – Geschwätz von Frevlern, wenn du mich fragst – dann tu, was du willst. Aber du wirst in Zukunft ohne meine Hilfe auskommen müssen, und ich werde keinen Finger mehr rühren, um die Probleme zu lösen, die du oder die deinen bekommen oder verursachen. Überlege es dir genau, Daidalos.“

Eine Tür öffnet sich irgendwo, eine magere Gestalt in dunkler Kutte, sie scheint den großen Mann nicht zu bemerken, kniet kurz nieder und spricht zu Daedalos, hektisch, heiser: „Meister, sie kommen! Es ist soweit! Wir müssen beginnen! Es wird noch eine Weile dauern, bis sie hier oben sind, aber du mußt verschwinden, solange es noch geht – alles ist bereit!“ Daedalos nickt dem Mann zu. „Danke Nikodemos. Ich werde beginnen. Nichts wird uns mehr aufhalten, niemand uns Vorschriften machen. Kein Atlanter, keine Könige, keine Götter. Unsere Zeit ist angebrochen.“ Der Kuttenträger verschwindet wieder aus dem Bild. Der große Mann ist ebenfalls verschwunden.

Ein hoher Turm, Knossos aus der Vogelperspektive. Brände flackern auf, hektisches Treiben, Rauch und Staub liegt über den Straßen der Stadt, in denen Statuen Menschen töten. Ein gewaltiges Etwas mit riesigen ledernen Schwingen, auf einen knarzenden Holzrahmen gespannt, löst sich von der Spitze des Turms, und du glaubst von fern ein irres Lachen zu hören, als das Konstrukt auf das offene Meer hinausfliegt, und die oberen Teile des Turms in einem gewaltigen Feuerball vergehen.

Du weißt, wer der große Mann war, denn vor kurzem hast du seine Stimme selbst gehört. Und du weißt, dass Daidalos endgültig die Gunst Hephaistos‘ verwirkt hat.

 

Du erwachst von salzigem Wasser, das dir in Mund und Nase läuft.

Es ist finstere Nacht, und du klammerst dich an ein großes Stück Holz.

Du treibst in den dunklen Weiten des Ägäischen Meeres, und du bist allein.

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