CONTACT – „Schrecken aus der Tiefe“ und überhaupt

Das schicke Coverbild – mit freundlicher Genehmigung geliehen von der Uhrwerk-Shopseite (http://www.uhrwerk-verlag.de/?page_id=1017)

Aquanauten, Sonarkanonen, Hummermenschen – klingelt da was? Richtig, CONTACT goes X-COM – der neue (und erste) Quellenband für das UFO-Rollenspiel ist vor kurzem erschienen, ich hab ihn mir als Freund des Themas geholt und in wenigen Abenden komplett gelesen; da es scheinbar noch keine anderen Rezensionen gibt, wollte ich Euch meine Eindrücke davon nicht vorenthalten, wobei ich versuche, möglichst spoilerfrei zu bleiben. 

Vorweg: Contact habe ich vor längerer Zeit schon bei Sphärengeflüster rezensiert (und inzwischen die Rezension auch hierher übernommen); wer also das System bislang nicht kennt, kann sich das nochmal zur Auffrischung zu Gemüte führen.

 

Augenzeugenberichte: Äußerlichkeiten

Schrecken aus der Tiefe (im Folgenden SadT) kommt als Hardcover mit 128 Seiten daher, vollfarbig. Zu einem Preis von knapp 30 Euro – nicht ganz günstig, aber für ein Liebhabersystem mit exklusivem Thema durchaus vertretbar, zumal das Spiel bislang wahrscheinlich noch keine DSA-Auflagen erreicht.

Neben Contact-Schöpfer Robert Hamberger haben diesmal noch vier weitere Autoren mitgewirkt. Die Schreiber und Lektoren haben handwerklich saubere Arbeit geleistet, mehr als eine Handvoll Schreibfehler sind mir nicht aufgefallen, ebenso habe ich spontan keine falschen Verweise, offensichtliche Inhaltsfehler oder Ähnliches gefunden.

Die Illustrationen pendeln zwischen realistisch und comichaft, sind aber allesamt gut gemacht und stimmungsvoll, wenn auch naturgemäß in einigen Bereichen des Buches (etwa dem Ausrüstungskapitel) deutlich zahlreicher als in anderen (der Kampagne).

Das Buch enthält im Prinzip sechs Teile: Kurzgeschichten, Hintergrund, Regelerweiterungen, eine Kampagne, neue Aliens und neue Ausrüstung, die ich im Folgenden genauer unter die Lupe nehmen will.

Das „LEDgende-System“ der farblich unterschiedlichen Leuchten im Seitenrand, die angeben, welche Kapitel für Spieler notwendig, optional, oder nur für den Spielleiter gedacht sind, findet sich auch in SadT. Leider befindet sich diese nicht außen an den Seiten, sondern innen am Falz, so dass die Farbangabe nicht besonders ins Auge sticht; und die Zuordnung ist auch dieses Mal nicht immer gelungen, beispielsweise sind die für die Kampagne wichtigen NSCs inklusive Abenteuerspoilern blau, also „für Spieler optional“, markiert; gleiches gilt für die Wertekästen der Aliens, deren Ausrüstung und so weiter.

 

Autopsie: Inhalt

Nicht nur dem Namen nach bedient sich Schrecken aus der Tiefe erwartungsgemäß in nicht wenigen Bereichen gezielt und absichtlich bei der PC-Vorlage. Zunächst gibt es einen kurzen Überblick über die Geschehnisse seit dem Contact-GRW (wir erinnern uns, damaliger Stand war 2048, SadT spielt 2052), sowohl weltpolitisch wie auf OMEGA und die Aliens bezogen. Es folgt die Beschreibung zweier für Geschichte und Kampagne relevanter Konzerne mit Unterwasser-Schwerpunkt und ein Einblick in die neu gegründete submarine Alienjägereinheit TRITON, inklusive der Karrieremöglichkeiten für Charaktere.

Anschließend gibt es ausführliche Regelerweiterungen mit neuen Charaktermerkmalen, Regeln für Militärdelfine als Begleiter (welche aus naheliegenden Gründen die Einsatzhunde in ihrer Rolle ersetzen) und solche zum Tauchen generell – von der sicheren Tauchtiefe über Dekompression bis zum Perflourcarbon-Atmen. Hier merkt man, dass die Autoren sich wirklich mit dem Thema befasst haben und versuchen, die Gefahren unter Wasser realistisch, aber spielbar in Contact-Regeln abzubilden – Taucherkrankheit, Druckverhältnisse, Bewegung auf dem Grund, Unterkühlung, Wahrnehmung unter Wasser und so weiter, praktisch alle relevanten Dinge für diese menschenfeindliche Umgebung werden angesprochen.

Entgegen meiner Erwartungen finden sich nur drei neue Alien-Spezies (sowie eine neue Spieler“rasse“ von PSI-begabten Menschen) im Band; zwei davon spielen Hauptrollen in der mitgelieferten Kampagne, eine kann joker-artig als Feind allerorten auftauchen. Die Auswahl ist archetypisch und charakterstark: Fischmenschen, Hummermonster, intelligente Schwarmbewusstseinsquallen, wie aus dem GRW gewohnt mit relativ ausführlicher Beschreibung, Trefferzonen, Sonderfähigkeiten und so weiter.

Das Ausrüstungskapitel nimmt anteilsmäßig einen ähnlich großen Raum ein wie im GRW; fast ein Fünftel des Bandes besteht in der Beschreibung neuer Waffen, Fahrzeuge und Konsorten aller Technologiestufen, inklusiver neuer Forschungsprojekte – von der erwähnten Schallkanone über den fliegenden USO-Jäger mit Alienantriebstechnologie und der schwimmfähigen Exoskelettrüstung bis zu Alien-Pheromonen. Die NSCs sind wie gewohnt einseitig mit Werten, Bild und Charakterzügen beschrieben – wobei nur drei davon diesmal als spielbare Archetypen gedacht sind. Verstreut finden sich immer wieder kurzweilige Zitate mit Meeresbezug, und ein halbseitiger Index rundet das Buch ab.

Die Kampagne „Cold Rising“ besteht aus 8 Szenarien auf 23 Seiten. Thematisch breit aufgestellt, von der Rettung eines Entführten über einen „Shadowrun“ in ein Konzerngebäude, Sturm auf eine Unterwasserbasis mit Piratenbeteiligung, eine Terrormission in einem exklusiven Unterwasserhotel, die Untersuchung einer jahrtausendealten unterseeischen Alieneinrichtung und schließlich die Jagd auf ein gewaltiges außerirdisches USO-Trägerschiff – und auch die potentiellen Nachwirkungen der Ereignisse und mögliche Folgemissionen werden kurz angesprochen. Wie man vermuten kann, sind diese vielen Dinge auf so wenig Seiten allerdings ziemlich knapp gehalten.

 

Forschung abgeschlossen: Kritik und Fazit

Ich muss leider sagen, dass mich der Band etwas zwiegespalten hinterlässt. Beginnen wir bei den kritischen Punkten – dass die Idee mit der LEDgende immer noch nicht konsequent (zumindest meinem Verständnis nach) umgesetzt wurde, ist etwas ärgerlich, ebenso wie die Platzierung derselben nahe der Innenfalz des Buches, wo sie kaum auffällt. Unprakisch finde ich ebenso, dass wiederum Werte und Beschreibungen von Aliens und deren Ausrüstung an drei Stellen des Buches verteilt sind – das ist nicht nur am Spieltisch ungünstig durch den Blätterzwang, sondern führt eben auch zu der LEDgende-Problematik, dass mitten im offenbar für Spieler zugänglichen NSC-Kapitel eben Alienwertekästen auftauchen, und Alienwaffen und -schiffe mitten in der ebenfalls für Spieler gedachten Ausrüstungsliste stehen. Hätte man diese Inhalte nach Spielrelevanz zusammengepackt, stünden die jeweiligen Werte und Ausrüstung der Aliens eben bei denselben – an einem Fleck, wo man sie schnell findet und damit alles Notwendige dann beisammen hat.

Der zweite, noch größere Kritikpunkt den ich habe, betrifft die Kampagne bzw. die nicht mitgelieferten Tipps zum Spiel. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wie man mit der Kampagne am besten umgeht in Bezug auf neue oder schon erfahrene Spielercharaktere – ein Abteilungswechsel von OMEGA zu TRITON der SCs wird überhaupt nicht thematisiert, ebenso wenig, wie mit Ergebnissen der vorherigen Kampagne umgegangen werden sollte – deren Abschluss anscheinend implizit vorausgesetzt wird. Welche Forschungen sollten auf jeden Fall von der Gruppe abgeschlossen worden sein? Was kann in der Zwischenzeit mit ihrer Basis passieren? Wie sind die außermeerischen Aktivitäten der Alienrassen aus dem GRW während der Unterwasserkampagne, davor und danach? Das Basenmanagementsystem, das Contact einzigartig macht, wird in diesem Band abgesehen von einigen neuen F&E-Projekten leider kaum mehr aufgegriffen. Dann kommt die Sache mit dem Hintergrund – der ist zu dünn für den SL. Wer sich im Forum informiert, hat inzwischen vielleicht mitbekommen, dass man sich vom Autor den „Metaplot“ des Settings mit Zeitleiste, geheimen Ereignissen undsoweiter zusenden lassen kann – das ist aber auch dringend nötig, denn unter anderem wird auf diesen größeren Teil der Geschichte Bezug genommen, der weder in SadT noch im GRW bislang veröffentlicht wurde. Hiermit hängt auch zusammen, dass in der Kampagne erneut ziemlich schwerwiegende Artefakte, Orte und deren Auswirkung thematisiert werden, man mit diesen Informationen aber relativ im leeren Raum hängengelassen wird – die Folgen für OMEGA und die Gesellschaft, wenn welterschütternde Erkenntnisse gemacht werden, werden in meinen Augen unzureichend thematisiert. Die Hintergrundbeschreibungen kommen mir allgemein zu kurz, etwa die erwähnte, aber nicht beschriebene marine Abart der „Grauen“, insbesondere aber in der Kampagne; eine genauere Ausarbeitung und 28 Seiten mehr hätten diese (als ein Kernstück des Buches) noch sehr deutlich aufwerten können, denn für den Spielleiter gibt es neben den groben Ablaufbeschreibungen, einigen NSCs und manchmal recht vage gehaltenen Schauplätzen leider kaum Hilfestellungen. Gerade das Fehlen jeglicher kampagenbezogener Illustrationen und vor allem auch Bodenplänen hat mich hier geärgert – denn zumindest für mich als SL besteht der größte Aufwand beim Vorbereiten nicht darin, auf die Idee zu kommen, die SCs in ein Luxusunterwasserhotel zu schicken und dieses von Fischmenschen angreifen zu lassen, sondern Teufel steckt doch gerade im Detail: zusätzliche NSCs, Bodenpläne, Beschreibungen, Vignetten, Szenen und so weiter, das ist es, was Arbeit beim Vorbereiten macht – und in dieser Hinsicht lässt einen Cold Rising leider ziemlich allein. Mag man Pläne für ein Containerschiff noch im Netz finden können, sieht das bei einer geheimen Unterwasserbasis, einem mehrdutzendstöckigen Alien-Komplex oder einem kilometerlangen Rigidopodenschiff leider anders aus. Gerade im Hinblick auf den Untertitel von Contact – „das taktisch UFO-Rollenspiel“ – fällt mir diese fehlende Unterstützung leider negativ auf. Die Kampagne wirkt nicht wie unter einem taktischen, freien, sondern unter einem erzähl- und plotorientierten Gesichtspunkt geschrieben – und kann aus der Perspektive (mit einem arbeitswilligen Spielleiter) sicher viel Spaß machen, verlässt aber damit meinem Verständnis nach das eigentlich angestrebte Spielgefühl.

Neben diesen für mich persönlich nicht zu vernachlässigenden Kritikpunkten fallen aber auch viele Dinge an dem Band sehr positiv auf. Da ist zum einen die gute Lesbarkeit zu nennen, die wirklich gefälligen Kurzgeschichten, die schon erwähnten zwar spärlichen, aber stimmungsvollen Illustrationen, die handwerkliche Sauberkeit, die ins System passenden Regeln – und das Thema ist nach wie vor cool und ziemlich einzigartig.

Contact-Fans machen mit dem Schrecken aus der Tiefe sicher nichts falsch. Wer mit Contact bisher nichts anfangen konnte, für den wird sich wohl mit SadT nichts ändern, wenn auch hier die taktische und strategische Komponente aus dem GRW noch einmal zurückgefahren (bzw. ganz in die Verantwortung der Gruppe gelegt) wird, und wer sich erst seit dem neuen X-COM-Computerspiel für das Alien-Thema interessiert, sollte lieber erstmal zum GRW greifen.

 

Persönlicher Ausblick: Contact und ich

Die Contact-Bücher sind für mich einige der inzwischen wenigen, die ich mir (relativ) zeitnah kaufe und komplett lese, da ich sowohl Setting und Thema mag als auch sehr gut finde, dass der Uhrwerk-Verlag auch solche doch recht speziellen Geschmäcker bedient.  Unsere angefangene Contact-Runde hat sich leider nicht halten können, primär aus privaten Gründen der Spieler, und auch wenn sich in den Test-Sessions einige Dinge am System als etwas unhandlich erwiesen haben, habe ich schon sehr zeitnah mit dem Schreiben einiger Hausregeln und Erweiterungen zum Basenmanagementsystem angefangen. Die Einbeziehung von strategischen Elementen ins Rollenspiel finde ich nach wie vor erfrischend und inspirierend.

Was Contact in meinen Augen am dringendsten bräuchte, wäre ein Erweiterungsband mit ausführlichem Hintergrundwissen für den Spielleiter, in den nicht nur der nicht-sofort-zugängliche Metaplot ausführlich dargestellt und ausgearbeitet ist, sondern mehr Zusammenhänge der Geschichte der Welt, der Alienfraktionen und so weiter erklärt werden. Ebenfalls deutlich ausbaufähig scheint mir die Darstellung von OMEGA bzw. TRITON – von einer genaueren Organisationsstruktur über prominente NSCs, Orte und Interna bis zu spielrelevanten Details wie Funkcodes, Standardprozeduren und mehr Tipps zum Kampagnenspiel und hier insbesondere einer noch besseren Einbeziehung von Forschung, Entwicklung und der Zusammenarbeit mit Staaten und Behörden. Viele dieser sehr wichtigen Punkte werden bislang gar nicht thematisiert oder es gibt nur andeutungsweise Informationsfetzen.

Wenn Contact für mich als System langfristig interessant bleiben soll, müssten gerade diese Hintergründe, mit denen die SCs ständig in Kontakt kommen, deutlich stärker ausgearbeitet werden, und auch am Aufbau der Bücher sollte sich aus Spielbarkeitsgründen einiges ändern, siehe meine Kritik oben. Die kostenlosen Downloadabenteuer und Regelerweiterungen sind ein guter Anfang, aber man könnte noch so viel mehr Sinnvolles für Contact machen – sicher eine Frage von Zeit und Geld, aber meiner Ansicht nach auch eine Frage, die direkt damit im Zusammenhang steht, ob Contact ein Nischensystem mit einem Output von einer Erweiterung alle 1,5 bis 2 Jahre bleiben soll, oder ob man nicht seine Möglichkeiten tiefer ausschöpft und damit auch den potentiellen Interessentenkreis erhöhen kann.

Contact fehlt in meinen Augen noch ein wenig die Perspektive (etwa im Bezug auf „taktisch“ versus „erzählerisch“), aber es ist nach wie vor ein Rohdiamant, dessen Potential noch lange nicht ausgereizt ist.

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Ein Kommentar zu “CONTACT – „Schrecken aus der Tiefe“ und überhaupt

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