Magie, Wissenschaft und der „sense of wonder“ (Karneval der Rollenspielblogs)

Nandurion Logo_RSPKarneval_250pxrichtet den diesmonatigen Karneval der Rollenspielblogs mit dem Thema „Magie und Wissenschaft“ aus. Eine hochinteressante Sache, zu der ich im folgenden Artikel einige eher philosophische Betrachtungen praktischer und historischer Art anstellen will.

Magie oder Wissenschaft, Magie und Wissenschaft, Magie gleich Wissenschaft…?

„Magie“ – was ist das eigentlich? Laut Wikipedia: „die Zuordnung von bestimmten Kräften an Gegenstände Ereignisse oder Lebewesen, die diese normalerweise nicht besitzen. Durch Rituale, Beschwörungen (etwa mittels Zaubersprüchen), Gebete, oder Invokationen sollen diese Kräfte wirksam auf die Umwelt übertragen werden, um das Tun, Wollen und Schicksal anderer Menschen willentlich zu beeinflussen, [was nach naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise irrational erscheint.]“ – den letzten Teil klammern wir erstmal aus. Das Wort „Magier“ kommt aus dem Alt-Iranischen mit Verwandtschaft zu den Begriffen „Macht“  und „Maschine“ und bezeichnete belegterweise zunächst zoroastrische Priester. Priester-Magier haben in der Kulturgeschichte eine sehr wesentliche Rolle in verschiedenen Bereichen gespielt; die Astronomie und Geometrie spielten eine wesentliche Rolle nicht nur in Ägypten, etwa bei der Berechnung der Nilhochwasser und Landvergabe, sondern bei fast allen Völkern zur Vorhersage der richtigen Zeitpunkte für Aussaat und Ernte. Priester hatten esoterisches, (das heißt: nicht jedem zugängliches) Wissen, das oftmals in religiösen Kontext gestellt wurde (weitere Stichworte: Steinkreise, nicht nur Stonehenge, die Himmelsscheibe von Nebra und vieles mehr). Aber dieses Wissen fiel, soweit ich weiß, nur selten vom Himmel, sondern war wohl in den meisten Fällen das Ergebnis von extrem langwieriger Beobachtung, Dokumentation, Extrapolation und try-and-error (lies: Experimenten). Man kann vermuten, dass viele Priester ihr Wissen auch nutzten, um die Menschen zu manipulieren, Herrschaftsstrukturen zu verändern oder aufrechtzuerhalten und so weiter, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese frühen Magier über anwendbares Wissen verfügten, das sie ihren Mitmenschen überlegen machte – und das in seiner Fundierung und Tiefe in vielen Bereichen heute noch großes Erstaunen auslösen kann.

Man kann vielleicht nach dieser Ausführung schon ahnen, dass „Wissenschaft“ begrifflich nun nicht gerade das Gegenteil von „Magie“ darstellt. Laut Wikipedia ist „die Erweiterung des Wissens durch Forschung, seine Weitergabe durch Lehre, der gesellschaftliche, historische und institutionelle Rahmen, in dem dies organisiert betrieben wird, sowie die Gesamtheit des so erworbenen Wissens. Forschung ist die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen sowie ihre systematische Dokumentation und Veröffentlichung in Form von wissenschaftlichen Arbeiten. Lehre ist die Weitergabe der Grundlagen des wissenschaftlichen Forschens und die Vermittlung eines Überblicks über das Wissen eines Forschungsfelds (den sogenannten aktuellen Stand der Forschung).“ Wissenschaft ist zunächst einmal ein abstrakter Begriff, unbelastet von „Glaubensinhalten“, er beschreibt das Streben nach Erkenntnis auf eine systematische Art und Weise. In diesem Sinne kann man Magie und Wissenschaft begrifflich eigentlich nicht wirklich als Gegensatz sehen; lediglich in dem Falle, dass besonderes Wissen über das jemand (den man früher Magier nannte) verfügt, nicht auf systematische Weise erworben, weitergegeben oder genutzt wird, ist Magie (als esoterisches Wissen) nicht wissenschaftlich – was etwa auf Offenbarungen, Erleuchtungserlebnisse undsoweiter zutrifft. Häufiger war wahrscheinlich der Fall, dass die Eingeweihten ihr Wissen selbst auf diese Art und Weise erworben dargestellt haben.

 

Reduktionismus als Anfang und Ende eines ganzheitlichen Weltbilds

Gehen wir noch einmal zurück zur Wikipedia-Definition von Magie: „die Zuordnung von bestimmten Kräften an Gegenstände, Ereignisse oder Lebewesen, die diese normalerweise nicht besitzen.“ Versuchen wir uns einmal in die Frühgeschichte der Menschheit zu versetzen, lange vor jeder institutionalisierten Naturwissenschaft. Die Zeit, in der zum ersten Mal so etwas wie „Religiosität“ in die Welt kommt. Der Mensch beherrscht das Feuermachen, kann schon erste Werkzeuge aus Holz, Knochen und Stein herstellen – und jemand fängt an, darüber nachzudenken und zu reden, warum eigentlich immer wieder der Blitz einschlägt, wieso es Jahreszeiten gibt, und weshalb Menschen geboren werden und sterben. Die ersten Antworten auf diese Fragen sind religiöser Natur: Götter oder Naturgeister sind dafür zuständig, manche beginnen, sich mit ihnen zu beschäftigen und so etwas wie ein „Weltbild“, kulturelle Überlieferungen und Rituale zu entwickeln, die in Kleingruppen, Stämmen oder ganzen Regionen tradiert werden. Aus heutiger Sicht könnte man sagen: naiv, Aberglaube. Oder aber: klug, Beginn wissenschaftlichen Denkens. Denn was ist passiert mit dem Beginn solchen „magischen“ Denkens? Man begann sich für Dinge zu interessieren, die man nicht direkt anfassen konnte, die einen zeitlichen Kontext jenseits des eigenen Jahres oder gar Lebens umfassten, aus Glauben konnte sich Wissen entwickeln und umgekehrt. Man könnte sagen, dass es gewissermaßen ein reduktionistisches Vorgehen war, das Geschehen der (ohne Vorwissen) unstrukturiert erscheinenden Umwelt auf Götter und Geister zurückzuführen, die anschließend weiter spezifiert und genauer untersucht werden konnten – und parallel dazu herauszufinden, wie man sich mit den Göttern am besten stellt, etwa, indem man den ihnen jeweils genehmsten Zeitpunkt für Aussaat und Ernte herausfindet, was wiederum ein handfestes Wissen mit evolutionärem Vorteil darstellt. Reduktionismus und Ausdifferenzierung in gegenseitigem Wechselspiel – das ist im Grunde das Kernrezept jeder Wissenschaft.

Mit Beginn der milesischen Naturphilosophie werden in der Wissenschaft der westlichen Welt die ersten Höhepunkte des Abstrakten erreicht, und die spätere Akademie Platons könnte man als erste Institutionalisierung der Wissenschaft in Form von systematischer Forschung und Lehre betrachten. Aristoteles war der vielleicht erste echte Universalgelehrte, forschte in jedem denkbaren Bereich, sammelte Wissen und Bücher und ist heute noch ein Vorbild der Wissenschaft. Durch die Antike, das Mittelalter und bis in die Renaissance forschte man einfach an allem, was interessant erschien; dass der hochgelobte Naturwissenschaftler Isaac Newton auch alchimistische Forschungen betrieb, weiß nicht jeder, und wer einmal in Agrippas Magischen Werken geblättert hat, kann zurecht staunen über das hier akribisch zusammengetragene Wissen zum damaligen „Stand der Forschung“.

Tatsächlich dauerte es rund 2.000 Jahre, bis sich ein Gegensatz zwischen „Magie“ und „Wissenschaft“ in unserem heutigen Sinne zu entwickeln begann – nämlich als im 18. bis 20. Jahrhundert parallel Aufklärung, Industrialisierung, politische Umbrüche und große technologische und naturwissenschaftliche Fortschritte ein neues Weltbild zu formen begannen, das uns bis heute prägt, und in dem die Einzelwissenschaften zunehmend aufgrund ihrer unleugbaren Erfolge der Philosophie als „Mutter aller Wissenschaften“ und einem ganzheitlichen Weltbild den Rang abzulaufen begannen. Auch wenn Theorien vom Phlogiston, dem Äther, der Phrenologie oder „animalischem Magnetismus“ heute eher als Kuriositäten zu betrachten sind, war der Erfolg der Naturwissenschaften, der in hohem Maße auf Reduktionismus und technologischem Fortschritt beruht, beeindruckend und unaufhaltbar – und mit ihm gleichzeitig eine immer stärkere Ablehnung aller Theorien und Glaubensgebilde, die nicht in die naturwissenschaftlich fundierten Weltbilder passten. Der Begriff „Magie“ bekam den abfälligen Beigeschmack von Blendwerk, Bühnenzauberei oder obskurem Okkultismus – wobei unvoreingenommen betrachtet weder die Idee der „Magie“ der Vergangenheit (nämlich der Versuch, Wissen und damit Macht über die Umwelt zu erlangen) hinreichende Würdigung bewahren konnte, noch ihre Funktion als Ausgangslage der modernen Naturwissenschaften. Auch hier wiederum haben Reduktionismus und Ausdifferenzierung eine entscheidende Rolle gespielt, indem sich Unter-, Unter-unter-usw.-Arten der Naturwissenschaften bildeten. Und obskurerweise führte diese Entwicklung zu einem Zustand, welcher der modernen Wissenschaft (und Technologie) heute den gleichen Status zukommen lässt, wie in der Vergangenheit die „Magie“ hatte: es ist ein esoterisches Wissen, das von außen (spätestens, wenn es um Details geht), kaum mehr zugänglich ist; wenn Wissenschaftler Fachgespräche führen, versteht man als Laie oft nur Bahnhof, und wer ohne ausreichende Vorbildung wissenschaftliche Fachbücher lesen will, könnte das mit gleichem Effekt wahrscheinlich auch auf chinesisch tun. Der Erfolg der Wissenschaften allerdings hat zu einer tiefgreifenden Wissenschaftsgläubigkeit geführt, die in mancher Hinsicht der Verehrung priesterlichen Wissens in der Vorzeit ähnelt. Manche Physiker dozieren über den Anfang der Welt zu dem Zeitpunkt, bevor ihre wissenschaftlichen Grundlagen überhaupt anwendbar sind, andere Psychologen erklären Bewusstsein und freien Willen des Menschen zu einer Illusion, und der Traum vom Putnam-Oppenheim-Schema und dem  „Sieg des universellen Reduktionismus“ ist nach wie vor präsent. Gleichzeitig führt dieses reduktionistische Denken zum Verschließen vor einem umfassenden Weltbild und extremer Scheuklappensicht, obwohl Phänomene wie Emergenz, Selbstorganisation und die vielen Wechselwirkungen biologischer Systeme heute schon zeigen, dass die Welt doch nicht so einfach durch Einzelwissenschaften erfassbar ist.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Magie und Wissenschaft letztlich auf zwei unterschiedlichen Begriffsebenen angesiedelt sind und damit keine Gegensätze. Nicht jede Wissenschaft ist Magie, und nicht jede Magie ist Wissenschaft, aber es gibt durchaus Überschneidungen – und diese Überschneidungen sind erst in den letzten 250 Jahren weniger anstatt wie bis dahin mehr geworden.

 

Magie, Wissenschaft und „sense of wonder“ im Rollenspiel

Praktisch gesehen gibt es meiner Ansicht nach keinen wirklichen Unterschied zwischen Wissenschaft und Magie im Rollenspiel. In klassisch-magischen Fantasy-Settings ist die Unterscheidung eher, wie offen, öffentlich und wissenschaftlich im Sinne von „systematisch forschend und lehrend“ bzw. religiös geprägt und auf Offenbarungen und Dogmen aufbauend die verschiedenen Magietraditionen sind. In modernen Settings (und der heutigen Realität) dagegen nimmt Technologie (mit „wissenschaftlichem Fortschritt“ gleichgesetzt) dagegen die Rolle ein, die Magie als wesentliches Element zur Erzeugung des „sense of wonder“ in der Fantasy hat: Warp- oder Astralraum, Golem oder Android, Cyberware oder Buff-Artefakt, Magierturm oder Konzernenklave, Hacking oder Schlösser knacken, Laserschwert oder Zauberklinge – die meisten wichtigen Rollenspiel-Topoi haben eine Entsprechung sowohl auf magischer wie auf technologisch-wissenschaftlicher Seite.

Der interessantere Punkt, der in gewissem Sinne mit dem sense of wonder kollidiert, mit dem man vielleicht gerne an magische Fantasy-Welten herangehen möchte, ist die Funktion von Magie bzw. Technik innerhalb der Spielwelt. Nicht nur Clarke hat erkannt dass Magie und Technologie oft schwer unterscheidbar sind, viel eher ist es so, dass Hochtechnologie, die niemand versteht, von vielen Menschen guten Gewissens verwendet und oft auch mit „magischem Denken“ behandelt wird. Wer hat nicht schon einmal seinen Computer beschimpft, kümmert sich um sein Auto wie um eine ägyptische Götterstatue oder macht eine Art Kult und Ritual um seine virtuellen sozialen Netzwerkaktivitäten. Man muss Dinge auch nicht im Detail verstehen, um sie für das eigene Leben gewinnbringend einzusetzen. Diese Erkenntnis aus der Moderne, in übliche Fantasy-Settings übertragen, heißt, dass Magie dort alltäglich ist – zumindest ähnlich alltäglich wie bei uns seltene Hochtechnologie. Man hat wahrscheinlich noch nie einen Teilchenbeschleuniger, eine Chipfabrik, ein Serverzentrum, eine nervengesteuerte Prothese oder einen Steuerstand für eine Industrieroboteranlage real vor sich gesehen, aber man weiß, dass es so etwas gibt, und wundert sich nicht darüber. In Fantasysettings sollte eine ähnliche Einstellung der Menschen (natürlich reduziert um die beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten) vorherrschen – magische Phänomene sind vielleicht nicht an jeder Ecke zu sehen, aber letztlich muss man sich vor einem wandelnden Toten nicht mehr fürchten als vor einem bewaffneten Halsabschneider.

Diese konsequente Überlegung nimmt auf den ersten Blick etwas vom Exotischen einer magischen Welt heraus; bei DSA beispielsweise gab es einmal einen Mechanismus, der beim Anblick von Untoten Mut-Proben erforderlich machte, um nicht zu fliehen. Berechtigterweise könnte man allerdings bezweifeln, dass selbst für den jungen Zauberer, Krieger oder Zwergen ein wandelndes Skelett per se schreckenerregend ist, denn nicht nur das Verhältnis zum Tod dürfte in einer Fantasywelt ein anderes sein als heutzutage, sondern Untote gehören dort seit Menschengedenken zum Alltag – vielleicht in Form von grausigen Berichten, auf jeden Fall aber in Form von Berichten, die nicht an der Existenz solcher Wesen zweifeln lassen. Somit wird dem Magischen in gewissem Sinne das „Über-Natürliche“ genommen; magische Phänomene sind natürliche Phänomene, mit denen man sich auf möglichst praktikable Weise auseinandersetzen muss. Ein kurzer Seitenblick zu den Horrorgeschichten von Lovecraft zeigt ebenfalls diese Richtung auf – die Schrecken des Cthulhu-Mythos rühren nicht primär von zu vielen Tentakeln und Glibber her, sondern dass die lovecraftschen Ungeheuer unmenschlich-fremdartig sind und in ihrer bloßen Existenz radikal das Weltbild der Zeit widerlegen. In einem klassischen Fantasy-Setting mit klassischer Fantasy-Bevölkerung sollte es diesen Effekt für die meisten Einwohner nicht geben – denn ihr Weltbild sieht magische Kreaturen und Effekte vor, und wenn man vor einem Zombie, einem Elementar, einem feuerballwerfenden Magier oder einem Krieger mit Zauberschwert vor Furcht davonläuft, dann aus den gleichen Gründen, aus denen man auch in modernen Settings vor jemandem mit einer Pistole oder einem Laserschwert Angst haben sollte – einfach, weil das eigene Leben in Gefahr ist, aber nicht etwa, weil die Existenz von Magie dem eigenen Weltbild widerspricht und deswegen Entsetzen verursacht.

Der sense of wonder mag ein wesentlicher Motivator auf Spielerseite sein, um sich in phantastische Welten zu begeben – der konsequenten Darstellung der Spielwelt und des eigenen Charakters kann er allerdings auch im Weg stehen, indem Dinge bestaunt und bewundert werden, die für den Spieler fremdartig sind, für den Charakter aber gewohnt und keineswegs „übernatürlich“ sein sollten. Manche modernere Fantasy-Literatur zieht einen Teil ihres Reizes sogar aus der Abkehr der Darstellung des Phantastischen als phantastisch – man nehme etwa die Zauberer oder den namensgebenden Protagonisten selbst aus Sapkowskis Hexer-Reihe. Obwohl sie über phantastisch erscheinende Kräfte verfügen, nutzen die Zauberer diese ganz profan zur Kosmetik oder auch maßgeblich um im geheimen ihren Willen in der hohen Politik durchzusetzen, während der Hexer sich ohne erkennbare Reflexion über die Übernatürlichkeit seiner Fähigkeiten mit magischen Zeichen und Alchimie Vorteile im Kampf gegen Ungeheuer verschafft – und diese Ungeheuer wiederum zeigen unerwartet menschliche Züge und handeln sehr nachvollziehbar, wenn der Hexer einmal mit ihnen ins Gespräch kommt. In Sapkowskis Welt wird Magie sehr wissenschaftlich betrieben, was bis zu modernen Problemen wie der Eugenik führt; auch ein solcher Ansatz ist sehr reizvoll, da zunächst recht ungewohnt. Doch auch hier sind Magie und Wissenschaft keine Gegensätze.

 

Fazit

Wer Rollenspiel unter Beibehaltung des sense of wonder betreiben will, sollte vielleicht eine andere Herangehensweise dafür wählen als beim reinen Rezipieren von Literatur oder Film: Die Herausforderung besteht darin, die magischen und technischen Möglichkeiten eines Settings (vor Spielbeginn!) gründlich zu durchdenken, ihren Einfluss auf Individuen und Gesellschaft kennenzulernen und anschließend zu versuchen, sich bewusst, aber nicht naiv, im Spiel mit dem für uns Über-Natürlichen (sei es Magie oder Technik) auseinanderzusetzen. Die Herausforderung besteht hierbei nicht im naiven Erleben einer fantastischen Welt durch die Augen des Spielers, sondern im Hineinversetzen in einen Charakter, der konsequenterweise nur noch wenig sense of wonder für die Besonderheiten der für ihn gewohnten, für den Spieler aber exotischen, Umwelt hat. Das ist ein rollenspielerisch durchaus anspruchsvolles Unterfangen, das auch eine gewisse Distanzierungsfähigkeit zum eigenen Charakter erfordert, und außerdem natürlich auch eine entsprechende Denke der Designer und Weltbeschreiber erfordert, die nicht immer gegeben ist.

„Magie“ und „Wissenschaft“ (interpretiert als Naturwissenschaft bzw. technischer Fortschritt) stellen im Rollenspiel zwei Seiten derselben Medaille dar – sogar mit weitgehend den selben Motiven und sich vor allem im Anstrich der Darstellung unterscheidend. Wer in einer magischen Welt lebt, nutzt die Magie, um sich das Leben zu erleichtern oder seine Überlebenschance zu erhöhen, wer in einer wissenschaftlich-technisierten Welt lebt, bedient sich hierzu technischer Hilfsmittel. Treten Magie und Wissenschaft gleichzeitig in einem Setting auf, handelt es sich aus meiner Sicht meist nicht um einen Gegensatz der Methoden, sondern eher der Weltbilder und Mittel. Bornierte Engstirnigkeit gibt es unter Magiern ebenso wie unter Wissenschaftlern, genauso wie aufgeklärte Entdeckergeister, denen keine Theorie zu abwegig ist. Die Konflikte, die beides mit sich bringen kann, sind recht ähnlich, ebenso wie der Verlust des sense of wonder für die Bewohner von magischen oder hochtechnisierten Welten, die Gewöhnung an das Ungewöhnliche; die konsequente rollenspielerische Darstellung eines Charakters in einer Welt des Besonderen, die sich von unserer maßgeblich unterscheidet und sense of wonder beim Spieler provoziert, gehört meiner Ansicht nach aber zu den durchaus schwierigeren Herausforderungen des Hobbies.

5 Kommentare zu “Magie, Wissenschaft und der „sense of wonder“ (Karneval der Rollenspielblogs)

  1. Ingo sagt:

    Ich bin über einen Beitrag von Craulabesch, http://craulabesh.wordpress.com/2014/03/05/der-magier-der-priester-und-der-philosoph/, hier bei Dir gelandet. In meinen Augen zwei sehr spannende und absolut lesenswerte Beiträge, die nicht nur im Hobbykontext zum Denken anregen.

    Sapkowski schreibt in meinen Augen kluge Bücher. Ich kenne nur seinen ersten Hexer-Band, die Anthologie (iirc), und Der Narrenturm. Im letztgenannten Buch fand ich seine Ausführungen über Buchdruck und die kritischen Auswirkungen auf Informationen bemerkenswert. Mir scheint, ich sollte weitere Hexer-Geschichten auf meine Leseliste nehmen.

    Vielen Dank!!

    PS: Der „reduktionistisches“-Link geht nicht.

    • RPGnosis sagt:

      Danke, auch für den Link-Hinweis, wurde korrigiert.

      Die Hexer-Bücher sind äußerst empfehlenswert, auch wenn die letzten beiden im Stil etwas abdrehen. Die Narrenturm-Trilogie ist ebenfalls klug und lesenswert, in meinen Augen aber beinahe etwas überfrachtet. Sollte man keinesfalls lange Pausen beim Lesen machen, sonst findet man sich zwischen hundert NSCs später kaum mehr zurecht. 🙂

  2. […] etwas abstrakteren Blickwinkel nehmen RPGnosis mit “Magie, Wissenschaft und der sense of wonder” und Craulabesh mit “Der Magier, der Priester und der Philosoph” ein, die einen […]

  3. craulabesh sagt:

    Ach RPGnosis, bei dem Thema wird auch dein Name relevant (wobei in der Zauberei die echten Namen der Wesen und Dinge immer relevant sind), beim Recherchen auf ne Antwort bin ich den vermeintlichen Gründer der Gnosis gestoßen, dem antiken Zauberer schlechthin, zumindest wenn man den frühen Kirchenlehrern glauben darf: http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Magus

  4. […] Schon früh im Monat legte RPGnosis mit einer Abhandlung über die historisch gewachsene Beziehung zwischen Magie und Wissenschaft stark vor. Welche Bedeutung diese Überlegungen für das Rollenspiel haben könnte, erfahrt ihr in Magie, Wissenschaft und der sense of wonder. […]

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