Werkstattbericht (11.1): Kampagnen bei Pandora, Erster Teil

Derzeit arbeite ich am Spielleiter-Kapitel von Pandora. Ein wichtiger Teil davon soll das Thema „Kampagnenplanung“ werden, wobei der Fokus hier vor allem auf der Verarbeitung von irdischen Mythen zu Rollenspielhintergründen liegt. Dabei soll eine von uns gespielte Kampagne als Beispiel dienen, wie dies vonstatten gehen kann – und daran möchte ich Euch im Rahmen der Werkstattberichte teilhaben lassen. Das Ganze ist eine Kombination aus Planung, Vorbereitung und Spielbericht; ich freue mich wie üblich über Kommentare und Diskussionen. Da der Spielverlauf ziemlich lang ist, wird dieser Werkstattbericht auf zwei Artikel aufgeteilt. Der zweite Teil erscheint in den nächsten Tagen.

 

Der Schwarze Löwe – Beispiel einer geplanten Kampagne

Eine der ersten Kampagnen, die während des Testens von Pandora gespielt wurden, handelte von einer Kreatur aus dem Hades, die das südliche Boiotien terrorisierte. Ein Teil des zentralgriechischen Spielhintergrunds, insbesondere Biotien und dessen Umgebung, sollte hier entwickelt und vorgestellt werden und (da dies aktuelle Regeltestschwerpunkte waren) ein Fokus auf Wildnisreisen, Kämpfen und übernatürlichen Gegnern liegen. Inspiration der Kampagnenhandlung waren die Mythen um Aktaion und den Kithaironischen Löwen, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

 

Irdische Inspiration

Von Aktaion gibt es mehrere Mythen. Er soll zum Kentauren Cheiron erzogen worden sein und später die Göttin Artemis beim Bad beobachtet haben oder sie mit Jagdbeute haben verführen wollen. Zur Strafe verwandelt sie ihn in einen Hirsch, der von seinen eigenen Hunden zerrissen wird. Seine Mutter sammelte anschließend seine Gebeine und irrte auf der Suche nach einem geeigneten Grab lange umher. Einer anderen Geschichte nach soll er Semele haben freien wollen, auf die auch Zeus ein Auge geworfen hatte, und wurde in einen Hirsch verwandelt, der fortan von seinen Hunden gesucht wurde, bis Cheiron eine Statue mit seiner Gestalt für sie anfertigte. Der Geist Aktaions ging nach seinem Tod um und plagte die Bewohner von Orchomenos (der Hauptstadt von Phokis, wo er, obwohl ein Abkomme des Kadmos von Theben, als Heros verehrt wurde), bis man ihm ein Bildnis aufstellte.
Der Kithaironische Löwe des Mythos ist eine Bestie, das Land von Herakles‘ Onkel verwüstet und von dem jungen Helden zu Beginn seiner Laufbahn erschlagen wird – sein Fell trug Herakles anschließend als Umhang. Im Gegensatz zum Nemeischen Löwen, den der Held später als eine seiner Zwölf Aufgaben erlegte, war der Löwe des Kithairon nicht unverwundbar.

 

Charaktere und Persönliche Bezüge

Erster Spielercharakter ist Antheia, eine Artemis-Priesterin von einer kleinen Kykladeninsel, die bereits in einer vorangehenden Kampagne auf der Jagd nach Minotauren nach Kreta kam und anschließend Schiffbruch erlitt. Sie hat keinen persönlichen Bezug zu Zentralgriechenland, hatte aber eine Vision der Göttin, die sie – zunächst unverständlich – nach Boiotien schickte: „Sieh nach dem Rechten zwischen Löwe, Rindern und Gesäten“. Als Artemis-Priesterin ist Antheia der Jagd nach mythischen Ungeheuern verschrieben – eine persönliche Motivation zum Erlegen des Kithaironischen Löwen. Da er sie aus dem Meer rettet, fühlt sie sich dem zweiten SC Aigeus verpflichtet, der ebenfalls die Aufgabe erhält, das Monster zu bezwingen. Im Lauf der Kampagne wird sie außerdem neben weiteren Visionen ihrer Göttin in Kontakt mit der Artemis-Priesterschaft in Boiotien kommen, von denen sie sich mehr Erkenntnisse über ihre Aufgabe als Gesandte der Göttin erhofft.
Der zweite SC ist Aigeus, ein tüchtiger boiotischer Offizier aus der Hauptstadt Theben. Sein Vater Kassandros war ein angesehener Strategos und Mitglied des Rates, wurde aber in seiner Jugend ermordet. Vor diesem Hintergrund soll in dieser Kampagne ein längerer persönlicher Plot für Aigeus angestoßen werden. Aigeus hat mehrere Beziehungen in Theben, die hierfür zur Verfügung stehen: seine Mutter und seine verheiratete Schwester sowie seinen Mentor Hermolaos, einen Kameraden seines Vaters, der ebenfalls im Rat der Stadt sitzt. Als boiotischer Soldat wird Aigeus offiziell betraut, die Angelegenheit des Schwarzen Löwen zu untersuchen und diesen zur Strecke zu bringen.
Spät im Kampagnenverlauf stieß als weiterer SC Glyke dazu, eine Händlerin, die eigentlich einen mysteriösen Transport von Schriftrollen durchführt (ein Aufhänger für eine Folgekampagne um die Götter Hermes und Toth, welche die Gruppe bis nach Ägypten führen soll), jedoch überfallen, von Hermes gerettet und bei Antheia und Aigeus „abgesetzt“ wurde, da auch dieser Gott ein Auge auf die beiden anderen Helden geworfen hat und sie in seine Dienste bewegen will. Hierfür schiebt er Glyke ein göttliches Telesma in Form eines neuen Paars Sandalen unter, die sich später als Rettung aus größter Not erweisen sollen. Da Glykes Spielerin eine Rollenspielanfängerin war, bestand kein größerer Bedarf an weiteren ausführlichen Hintergrundbezügen.

 

Verarbeitung der Mythen zu einer Abenteuerhandlung Pandora

Die Mythen um Aktaion bieten bereits eine große Auswahl an klassischen Rollenspielmotiven: ein unsterblicher Mentor, ein Frevel, ein göttlicher Fluch, ein ruheloser Geist, eine Suche nach verstreuten Gebeinen. Über den Kithaironischen Löwe gibt es weniger realweltliches Hintergrundmaterial, er stellt aber auf jeden Fall aufgrund seiner Verortung im Kithairon-Gebirge, das Attika von Boiotien trennt, einen geeigneten „Endgegner“ dar. Als göttlichen Gegenspieler der Kampagne wurde Hades gewählt, und der Kithaironische Löwe dementsprechend zu einer Kreatur der Unterwelt gemacht, die durch weltliche Waffen nicht zu bezwingen ist. Dies ist auch das Verbindungsglied der beiden Mythen; Aktaion als „Jägerkönig“ besaß übernatürliche  Jagdwaffen (ein Geschenk des Kentauren Cheiron), die in der Lage sind, den Schwarzen Löwen zu verwunden. Die Aufgaben und Zwischenziele der Kampagne ergeben sich damit organisch fast von selbst: Aktaions Geist muss zur Ruhe gelegt werden, damit er den Charakteren seine Waffen überlässt – dafür verlangt er, dass seine in der Wildnis verstreuten Gebeine gefunden werden. Der Löwe selbst ist ein Kind von Nyx, einer Urgöttin der Nacht, der eigentlich in der Unterwelt wohnte, jedoch durch ein Tor im Kithairon in die Welt der Menschen entkam. Hades hat nichts dagegen, dass die Kreatur in der Oberwelt wütet, denn die von ihr getöteten werden entweder direkt in die Unterwelt verschleppt oder erheben sich als Untote, wodurch der finstere Gott hofft, mehr Einfluss in der Welt der Menschen zu erlangen.
Als weitere mythische Elemente soll der Kentaur Cheiron als ein den Menschen wohlgesonnener Unsterblicher für spätere Verwendung eine Rolle in dieser Geschichte spielen und die Charaktere durch ihn einen Einblick in den Götterkrieg erhalten. Dafür sollen sie außerdem eine Reise zum Orakel von Delphi unternehmen, das in dieser frühen Zeit noch nicht von Apollon übernommen wurde, sondern der Erdmutter Gaia und der Titanin Themis gehört. Der finale Kampf gegen den Schwarzen Löwen schließlich soll in der Unterwelt selbst stattfinden, wo die Gruppe noch einige alte Bekannte treffen und so noch mehr über die Hintergründe der aktuellen und vergangener Abenteuer erfahren können.

 

Verlauf der Kampagne, Einstieg

Das erste Szenario bringt die Charaktere als Gruppe zusammen, ohne bereits die Haupthandlung loszutreten; ein solcher „hauptplotneutraler“ Beginn ist oft sinnvoll, um zu sehen, ob die Charaktere zusammenpassen, ob die Spieler mit ihnen zufrieden sind oder ob vor dem Beginn der eigentlichen Kampagne noch Änderungsbedarf besteht.
Aigeus wird von seinem Mentor Hermolaos nach Lokris (dem Nachbarn im Norden) geschickt, weil dort angeblich boiotische Soldaten ein lokrisches Dorf überfallen haben. Er reist per Schiff von Aulis, der Hafenstadt im Osten aus: unterwegs wird die im Meer treibende Antheia entdeckt, die sich ihm aus Dankbarkeit für ihre Rettung zunächst anschließt. In Lokris werden die Thebaner zunächst zu einer Audienz geladen, dort aber auf Anraten von Karphagoras, dem Berater des Fürsten festgenommen, da jüngst ein weiterer Überfall stattfand. Fürst Euthemis sucht die Charaktere später in ihrer Zelle auf und gewährt ihnen zwei Wochen Zeit, die wahren Schuldigen zu finden, da er Aigeus‘ Vater kannte und diesem glauben will, dass Theben keine Feindschaft gegenüber Lokris hegt. Bei ihren Nachforschungen in dem zuletzt überfallenen Dorf und in der lokrischen Wildnis stoßen die Helden schließlich auf eine Truppe Soldaten, mit denen es zu zwei Kämpfen kommt. Ein Überlebender gesteht, dass sie aus Phokis kommen und zu einem Plünderzug unter falscher Flagge gezielt in wehrlose Dörfer ausgeschickt wurden; er wird dafür freigelassen und kann eventuell später als Söldner andernorts wieder auftauchen.
Die Helden berichten dem lokrischen Fürsten Euthemis, der sie anschließend freilässt. Die Hintergründe der Provokation, die über einen Verschwörer am Hof des Fürsten (in Gestalt von dessen Berater Karphagoras) lief, enttarnen sie allerdings nicht und kehren zurück nach Aulis.

 

Politischer Nebenplot: Die Kriegstreiber von Theben

Aus der Verbindung von Aktaion und Orchomenos sowie Aigeus‘ Hintergrund ergibt sich eine politische Nebenplotlinie, die dem SC im Lauf der Kampagne nicht nur einen guten Grund gibt, seine Heimat zu verlassen, sondern auch, später vielleicht dorthin zurückzukehren, um Gerechtigkeit zu üben. Aigeus‘ Vater Kassandros, ein angesehener Strategos und Ratsmitglied, wurde in dessen Jugend ermordet, die Täter nie gefunden. Der Hintergrund dieses Verbrechens klärt sich im späteren Kampagnenverlauf auf: der Thebanischen Rat besteht zum Teil aus machtversessenen Tyrannen, die den Tod des früheren Königs Labdakos (der die Folge einer Beschuldigung des phokischen Königs Klymenos war, Aktaion sei auf der Jagd von Thebanern ermordet worden) als Anlass zu einem Krieg gegen das benachbarte Phokis nutzten, der nun schon viele Jahre dauert. Der ständige Kriegszustand festigt die Macht des Rates und verhinderte die langwierige Wahl eines neuen thebanischen Königs. Kassandros wollte dies nicht mittragen und der Rat befürchtete, dass er selbst der neue König werden wolle, weswegen sie ihn ermorden ließen; als sich abzeichnet, dass Aigeus den Schwarzen Löwen zur Strecke bringen und dabei vielleicht sogar noch Kontakte zum König von Orchomenos knüpfen könnte (immerhin befreien die Helden die Stadt von einem ruhelosen Geist), wird der Held selbst zu einer Gefahr für den Rat, in dem ihm nur wenige wohlgesonnen sind…

 


Hier geht es zur Fortsetzung des Kampagnenverlaufs.

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Ein Kommentar zu “Werkstattbericht (11.1): Kampagnen bei Pandora, Erster Teil

  1. […] Hier gibt es den zweiten Teil der Beispielskampagne für Pandora: Der Schwarze Löwe. Den ersten Teil gibt es hier. […]

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