RPGnosis – schon wieder ein neues Rollenspiel-Blog? (Teil 2)

Bevor wir den ganz frisch erschienen Splittermond-Schnellstarter ansprechen, will ich nochmal einige Worte zum Inhalt dieses Blogs verlieren – nicht, dass wir wegen falscher Erwartungen aneinandervorbeischreiben. Wenn man sich die Aktivitäten der deutschen Rollenspielbloggerszene ansieht, sehe ich (neben dem überall beliebten DSA-Bashing) vor allem die OSR (für den Normalrollenspieler: old school renaissance, also Retro-Klone), einige verdienstvolle Spielleiter, die Tips, Gedanken und manchmal ein wenig Selbstdarstellung ihrer Runden zum Besten geben, ab und zu Höhepunkte wie jüngst einen intellektuellen Erguss über den Niedergang des deutschen Rollenspiels aufgrund des Zustands der deutschen Volksseele, das eine oder andere Kampagnen- oder Charaktertagebuch, jede Menge Neuigkeitsankündigungen und immer wieder Rezensionen, aber nur sehr sporadisch Beiträge zu einem Thema, das mich wirklich interessiert: nämlich Regeln, ganz allgemein.

Richtig gelesen, ich mag Rollenspielregeln. Ich beschäftige mich gern mit ihnen und bin der Meinung, dass sie ein System noch stärker prägen als die mitgelieferte Hintergrundwelt. Was wäre das Fernziel der Kriegermönch of Doom-Prestigeklasse, ohne entsprechende regeltechnische Möglichkeiten? Wollte nicht jeder früher mal einen Paladin oder Elfen spielen, weil der Kämpfen UND Zaubern konnte? Wer hat nicht schon mal (oder tut das immer noch) nach dem effektivsten Charakterbuild gesucht, das die Regeln hergeben? Wann regt man sich über Railroading und vorgefertigte Dramaturgien am meisten auf? Klar, wenn sie die Regeln brechen oder ignorieren. Regeln erlauben erst wirklich, seinen Charakter verbindlich im Spiel zu definieren, abseits vom good will der Mitspieler und des Spielleiters, sie ermöglichen den Blick in die Zukunft und Vergangenheit, legen die Möglichkeiten und Grenzen der Spielrealität fest und geben letztlich eine Richtlinie, wie das entsprechende Rollenspiel gedacht ist, gespielt zu werden.

Auch, wenn die Ludologie noch in den Kinderschuhen steckt, haben schon verschiedene kluge Köpfe erkannt, dass es beim Schach eben nicht um eine „Erzählung“ geht, dass Völkerball kein „als-ob-Spiel“ ist, und dass der fragwürdige Spaß einer Partie Mensch-ärgere-dich-nicht eben kaum aufkommen kann, wenn jeder versucht, möglichst keine anderen Figuren zu schlagen. Das Rollenspiel hat eine Sonderstellung mit sowohl spielerischen wie literarischen Anteilen, das sollte allen klar sein – was ein Rollenspiel eben zu einem Rollenspiel macht (und nicht nur zu einem freien, gemeinsamen Geschichtenerzählen), sind es die benutzten Regeln, die für Unvorhersehbarkeit des Verlaufs, taktische Möglichkeiten, Herausforderungen und letztlich das ganz Besondere dieses Hobbys verantwortlich sind. Ob die Regeln eines Systems dabei der Narration des Geschichtsverlaufs oder der Simulation einer Spielwelt dienen ist erstmal zweitrangig, wichtig ist, dass die Regeln allen Spielern bekannt sind, akzeptiert und eingehalten werden, denn genau das macht ein Spiel aus.

Man findet natürlich Regeln genug in verschiedenen Blogs, meistens aus der OSR-Ecke – was mir aber bislang fehlt, ist eine kritische Betrachtung von Regeln als konstitutivem Teil eines Rollenspiels, ihre Auswirkungen und möglichen Auswüchse. Darum wird dieses Blog sich in Zukunft häufig mit verschiedenen Rollenspielregeln auseinandersetzen und möchte damit auch der in manchen Kreisen etablierten negativen Meinung über Regeln etwas entgegenstellen. Regeln sind keine „Krücke“, kein „notwendiges Übel“, kein „muss halt irgendwie“ und kein „ignorieren Sie sie ruhig, wenn es Ihnen gerade besser passt“. Autoren, die solche Zeilen in ihre Regelwerke schreiben, haben meiner Ansicht nach entweder nicht verstanden, was Regeln für ein Spiel bedeuten, leisten können und sollen, oder sie haben Mist fabriziert und wissen das auch. Gerade im DSA-Umfeld scheint ein gewisses Unverständnis, vor allem der Autoren, zum Sinn und Inhalt von Regeln zu bestehen. Unter dem Schlagwort „Kartoffeldiskussion“ werden wir uns dieses Themas demnächst einmal annehmen.

Soviel für heute als zweiten Teil über den Sinn und Inhalt dieses Blogs – der Splittermond-Schnellstarter muss jetzt nochmal durchgesehen werden. Wir lesen uns die nächsten Tage.

– Andreas

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10 Kommentare zu “RPGnosis – schon wieder ein neues Rollenspiel-Blog? (Teil 2)

  1. Tarin sagt:

    Schön, wieder von euch zu hören bzw. zu lesen 🙂 Viel Glück mit dem neuen Blog, ich lese gespannt mit!

  2. Falk sagt:

    Als jemand, der Spielregeln an sich zu schätzen weiss, finde ich’s toll, dass ihr allgemeiner darüber schreiben wollt.
    Mit dem DSA lastigen sphärengeflüster hatte ich immer so meine Probleme.

    Es fehlt einfach an mehr Blogs, die sich nicht an ein Regelsystem knebeln oder es über den grünen Klee loben.

    ich wünsche viel Erfolg.

  3. Jan sagt:

    Jetzt habt Ihr mich überrascht. Aus der DSA-Ecke kennt man eigentlich nur wenig Leute, die sich aktiv und gerne mit Regeln beschäftigen. Aber insgesamt ist das Thema wirklich unterrepräsentiert, das stimmt. Falk ist recht schweigsam geworden und ich habe, trotz meiner absoluten Vorliebe dafür, das Thema Regeln auch noch links liegen gelassen. Aber ich werde Euren Blog auch als Anstoß nehmen mal darüber nachzudenken, was ic hzu dem Thema sinnvolles schreiben kann.

    • rpgn0sis sagt:

      Ich denke, das ist eher ein Vorurteil gegenüber der DSA-Spielerschaft… wenn man sich auch im Ulisses-Forum mal eine Zeitlang umschaut, sieht man, dass nirgends mehr kritisiert und diskutiert wird als im Regelforum.
      Würde mich freuen, wenn das Thema Regeln auch in der Breite mal seines schalen Beigeschmacks verlustig ginge. Ich werde deine Ausführungen auch weiterhin gerne lesen.

      • Jan sagt:

        Das liegt sicher an der Qualität der DSA-Regeln 😛 Ne, das ist schon zumindest zum Teil Klischee, vielleicht aber auch mehr. Auf der RPC habe ich durch die Blume erfahren, dass der weitaus größte Teil der DSA-Spieler und damit auch der deutschen Rollenspieler im Bezug auf das Hobby rein gar nichts online macht, geschweige denn so etwas wie Blogs lesen oder Foren besuchen.

        • rpgn0sis sagt:

          Ja, leider, leider ist diese Erkenntnis über die DSA-Community auch das Argument, das man in Diskussionen mit Verantwortlichen in der Regel hört, wenn man Kritik und Verbesserungsvorschläge anbringt. Denn daraus schließen die Macher (fehlerhafterweise) zurück, dass die im Netz vertretenen Meinungen die Minderheit sind.
          Unserem Podcast wurde auch schon oft für unsere Kritik gedankt, aber meist danach angemerkt, dass wir ja einen recht beschränkten Blickwinkel hätten und keineswegs die Meinung eines nennenswerten Teils der DSA-Spielerschaft repräsentieren würden. Aber das Thema führt vielleicht etwas zu sehr in Richtung Interna.

      • Jan sagt:

        P.S.: Vielleicht kann ich an meinen Rezis bei den TZH mal ein paar Detailbetrachtungen bzgl. der Regeln auf meinem Blog anschließen. Mal gucken.

  4. Falk sagt:

    Sphärengeflüster waren eigentlich immer recht reflektiv (gibts das Wort?) in Bezug auf die DSA Regeln. Umsoweniger konnte ich es ja verstehen, wie man so lange damit zurecht kommen kann, ohne einen Schreikrampf zu bekommen.

    Mein Job lässt mir keine Zeit mehr für Blog-Schreiben, wenn ich in der Freizeit noch irgendetwas anderes tun will. Es wird ja auch immer schwieriger, sich nicht zu wiederholen.

    Aber ich hatte einen RSP-Blog-Karneval zu „Regeln“ angeregt. Wäre cool, wenn RPGnosis dazu was beiträgt:
    http://forum.rsp-blogs.de/rsp-karneval/vorschlage-fur-zukunftige-umzuge/msg9576/#msg9576

    • rpgn0sis sagt:

      Mit DSA haben wir’s solange ausgehalten, weil wir eigentlich seit Anfang der 4. Edition mit nicht ganz wenigen Hausregeln gespielt haben – beispielsweise dem QVAM-Kampfsystem, das schon viele Probleme löst. Ein DSA ohne Hausregeln kann ich mir nur schwer vorstellen zu spielen…
      Ich würde wieder gerne mehr von dir lesen, habe aber volles Verständnis dafür, wenn Spielen und anderes vorgeht. 🙂

  5. Sorben sagt:

    Sehr guter Beitrag. Wobei ich denke, dass viele Autoren von Regelwerken solche Sätze reinschreiben, sie es aber anders meinen als die Maße es versteht. Wahrscheinlich steckt da eher ein philosophischer Gedanke hinter, will ich denen mal unterstellen 😉 . Ansonsten volle Zustimmung, was Regeln betrifft.

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