Der Traum von Minos (Pandora – Sneak Peek 1)

Ein gewaltiger Thronsaal, Wände, Böden und Decken sind kunstvoll bemalt. Säulenreihen und flackernde Feuerschalen machen den hohen Raum unübersichtlich und werfen zuckende Schatten.

Ein großer Mann mit prachtvoll geflochtenem Bart und einem goldenen Reif auf dem Kopf, steht vor einem schmalen Fenster und blickt hinaus auf die schäumende Brandung, hunderte Schritte in der Tiefe, das finstere Meer und die schwarzen Wolkenberge, deren Konturen sich hell am Nachthimmel abzeichnen. Er wirkt alt, gebeugt und gramvoll.

„Warum, Zeus? Warum hast du uns das angetan? Ich habe für den Frevel an deinem Bruder mehr als genug gebüßt. Poseidon hat sein Opfer bekommen, und mein Haus wurde in Schande gestürzt. Menschen starben für meine Sünde und Verwandte haben sich entzweit. Warum lässt du nun mein Reich verfallen?“

Er seufzt, schweigt eine Weile, keine Antwort des Göttervaters erwartend. „Ich weiß, dass ich auch daran Schuld trage. Ich habe die Atlanter willkommen geheißen und ihre Absichten nicht durchschaut. Aber es ist jetzt zu spät, sie einfach wieder aus dem Reich zu werfen. Ihre Zauberei hat sich im ganzen Land verbreitet, und die Technikoi sind zu mächtig geworden, Daidalos allen voran. Er ist ein größerer Frevler als ich, er hat der Königin geholfen, sich in Schande Poseidons Gabe darzubieten. Wäre er nicht gewesen, hätte Pasiphaës Wahnsinn sicher bald ein Ende genommen, und die Stiermenschen hätten nie existiert. Weißt du, dass man sie schon zur Schmach meines Namens Mino-Tauroi nennt?“

Wieder schweigt er kurze Zeit. „Natürlich weißt du das. Du bist allwissend und allmächtig. Aber wieso hast du uns nicht gewarnt vor den Atlantern und ihren Plänen? Was bedeuten euch die Menschen, wenn ihr sie sehenden Auges ins Unglück laufen lasst? Was ist dran an der Geschichte von Pandora? Stimmt es, dass ihr sie erschaffen habt, um die Sterblichen zu strafen? Oder seid ihr ebenso unter ihrem Einfluss wie viele Menschen? … sag nichts, ich will es nicht wissen. Ich bin die vielen Tragödien leid.“

Minos, König von Kreta, steht am Fenster und starrt lange Zeit schweigend auf das nächtliche Meer, von dem nur leise monotones Rauschen an das hochgelegene Fenster dringt.

„Ich hätte sie beide töten sollen. Du hast mir kein Zeichen gegeben, und ich fürchtete weitere Freveltaten, die mir im Tartaros angerechnet werden könnten. Jetzt sieh, was daraus erwachsen ist. Daidalos sitzt zwar in seinem Turm, aber immer noch spricht er zu seinen Schülern, und ihre Werke finsterer Magie breiten sich aus, und die Menschen wissen nicht mehr, ob sie noch euch oder den Versprechungen der Atlanter glauben sollen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich weiß selbst nicht mehr, was wahr und richtig ist. Ihr straft die Menschen für Frevel an euren Gesetzen, deren Sinn sie nicht verstehen. Aber ohne euch, wer weiß wie die Menschen zusammenleben können?“

Wieder Stille. „Ich weiß, der Zweifel… aber was soll ich tun? Es ist zu spät, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen. Zu lange hast du mir kein Zeichen geschickt. Und ich bin zu müde, um noch einmal von vorne anzufangen…“

Jemand räuspert sich, Minos fährt herum. Ein kretischer Soldat kniet hinter ihm. „Herr, höre mich an, ich habe schlechte Kunde.“ „Sprich schnell“, heischt Minos ihn an. „Herr, die Statuen der Technikoi – sie bewegen sich, obwohl sie bei Nacht doch stehen sollen. Viele von ihnen haben Soldaten und andere Menschen angegriffen. Es scheint, die Technikoi haben sie nicht mehr unter Kontrolle. Ich habe Gladebos, den Atlanter, geweckt und zur Rede gestellt, doch der gab keine Antwort, stieß mich beiseite und floh. Und unsere Technikoi sind auch nicht mehr im Palast zu finden…“

Minos wendet sich ab. „Sprich nicht weiter. Ich will es nicht mehr hören. Ich bin es leid, bestraft zu werden und die Verantwortung für Dinge zu tragen, deren Unheil ich nicht kommen sah. Hör meine Befehle: Lass Daidalos töten, denn dies muss sein Werk sein. Jeder Technikos, der mit atlantischer Zauberei gearbeitet hat, soll eine Gelegenheit erhalten, diesem Handwerk abzuschwören, ansonsten soll er getötet werden. Jeder Atlanter hat drei Tage Zeit, Kreta zu verlassen, sonst sei sein Leben verwirkt – wer später noch einen Atlanter trifft, soll ihn erschlagen und dafür eine Hand voll Silber erhalten. Lass die Jagd auf die Minotauren einstellen. Kreta soll in Zukunft mit diesem Fluch leben, und die Geschichte meiner Schande als warnendes Beispiel sich über ganz Hellas verbreiten. Das Volk der Minoer soll sich wieder auf seine alten Werte besinnen. Dies sind meine Befehle, führe sie aus.“

Der Soldat springt auf und verlässt rasch den Saal.

„Mögen die Götter dies meiner Seele anrechnen. Höre, Zeus, ich bereue und will jede Strafe auf mich nehmen, die du und dein Bruder Hades für angemessen erachten. Hört, ihr Unsterblichen, die letzten Worte des Minos, König von Kreta: Es tut mir leid.“

Der alte Mann wendet sich um, tritt durch das Fenster und verschwindet lautlos in der Tiefe.

Die Wogen des weiten Meeres branden rauschend gegen die Grundfesten des Palastes, unaufhörlich und gleichgültig.

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