Pandora – Die Heldenfahrt

Eines der besonderen Features von Pandora wird die Heldenfahrt, bei der die Heroen mit einem eigenen Schiff und einer Mannschaft treuer Gefolgsleute die Inseln, Meere und Küsten von Hellas erkunden können. In diesem Beitrag möchte ich einige Einblicke in Ziele, Design, Strukturen und Mechaniken dieser Kampagnenform (oder -ergänzung) geben und gerne auch darüber mit Euch in Austausch kommen.

.

Hintergründe und Inspirationen

Mitte der 90er hat mich ein schwarzes Heft mit dem Titel Unter Piraten aus der Box Al’Anfa und der Tiefe Süden für Das Schwarze Auge (der 3. Edition) sehr fasziniert. Darin enthalten waren Regeln für Gefechte zwischen Schiffen und deren Mannschaften, verschiedene Schiffstypen, Geschütze und andere Hilfsmittel zur Mechanisierung von wesentlichen Inhalten einer Piratenkampagne – und im Gegensatz zu später erschienen Großkampfsystemen (etwa denen aus dem Aventurischen Arsenal oder den Seekampfregeln aus Efferds Wogen, beide für DSA 4) waren die sogar weitgehend spielbar. Insbesondere war die Idee damals für mich ein Augenöffner, das Rollenspiel um eine Größenordnung zu erweitern, und das auch irgendwie mechanisch einfach am Spieltisch darstellen zu können – und auch Sid Meier’s Pirates! fand ich damals großartig (so wie viel später Assassin’s Creed IV: Black Flag). Dann kam lange Zeit nichts, bis ich in den 2000ern anfing, mich auch für Reign (das ich allerdings nur gelesen und nie gespielt habe) und allgemein Möglichkeiten zur Expansion des klassischen Heldengruppenspiels um Dimensionen wie Gefolgschaften und „politische“ Einflussmöglichkeiten bis hin zu Eroberungen und Herrschaftsspiel. Gefunden habe ich dazu über die Jahre leider nicht viel, das ich wirklich tauglich fand; Reign hatte schöne Ideen, war mir aber letztlich zu abstrakt und grob für den Detailgrad, den ich gerne gehabt hätte – die andere Seite der Medaille waren alte (D&D-)Herrschaftsverwaltungssysteme mit sehr viel Würfelei, die mir für den Spieltisch zu unhandlich erschienen. Regeltechnisch gab es also nicht so viel, auf dem ich aufbauen konnte bzw. wollte. Über die Jahrzehnte habe ich mit verschiedenen Kampagnenregeln für Tabletopsysteme (v.a. Warhammer) und auch mit einer Handvoll Eigenbauten experimentiert, wobei letztere aber immer irgendwann wieder in der Schublade verschwanden. Und an modernen Systemen mit Gefolgsleuten hat mich zuletzt HeXXen 1733 underwhelmed, wo solche ausschließlich die Funktion haben, Mook-Gegner auszuschalten. 

Und dann gibt es da die Sagen von Jason, Aeneas und Odysseus. Letztere ist verbreiteter und hat es sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft – als eine Irrfahrt, deren Ziel nur nach größten Mühen erreicht werden kann. Odysseus bricht nach dem Trojanischen Krieg zur Heimfahrt auf, aber aufgrund eines Fluchs von Poseidon sollen er sein Zuhause erst nach vielen Jahren des Umherirrens (und wildester Abenteuer, bei denen er nicht nur seine Schiffe, sondern auch alle Gefährten verliert) erreichen. Die Geschichte von Jason dagegen liest sich wie ein Rollenspielabenteuer: Um sein Geburtsrecht von seinem usurpatorischen Onkel wiederzuerlangen, bricht er zu den fernen Gestaden des Schwarzen Meeres auf, um ein göttliches Artefakt zu bergen. Er erhält mit der „Argo“ ein grandioses Schiff und sammelt eine Mannschaft aus den größten Helden Griechenlands zusammen, mit denen er auf dem Weg nach Kolchis eine Reihe wilder Abenteuer erlebt; auch die Erlangung des Goldenen Vlieses birgt mannigfaltige Gefahren – Diplomatie, Intrige, übernatürliche Ungeheuer, gefährliche Kämpfe und eine unbarmherzige Umwelt verlangen den Gefährten eine Menge ab, bevor sie schließlich wieder die Heimat erreichen (und ihre Aufgabe tragischerweise dennoch nicht zu einem glücklichen Ende kommt). Für mich ist die Argonautensage eine der interessantesten Geschichten des klassischen Altertums, da sie eine Fülle von Motiven und „Abenteuerepisoden“ enthält und damit fast prototypisch-analog einer klassischen Rollenspielkampagne ist.

Vergil übernimmt später in der Aeneis Motive aus beiden Sagen und beschreibt die „Vorgeschichte“ der Römer anhand der Flucht des Trojanischen Prinzen Aeneas aus seiner fallenden Heimatstadt, der mit einer Schar Getreuer nach langen Reisen, diversen Abenteuern und Kriegen schließlich den Grundstein des römischen Reiches legt.

Und sowas in der Art sollte man auch bei Pandora machen können – nur mit mehr Handlungsfreiheit und eben einer gezielten regeltechnischen Unterstützung.

.

Zielsetzung

Die Heldenfahrt soll zwei eigene Kapitel im Settingbuch Pandora erhalten, aufgeteilt in einen Teil für Spieler und einen für den Spielleiter. Die Heroen sollen ein Schiff und eine Mannschaft als dauerhafte Begleiter bei ihren Reisen erhalten und diese auf verschiedene Weisen einsetzen können.

Der offensichtlichste Vorteil einer solchen Erweiterung der Heldengruppe ist zunächst die Reisefreiheit: ein Schiff ermöglicht der Gruppe, den ganzen Mittelmeerraum und darüber hinaus schiffbare Flüsse oder sogar den Okeanos bis hinaus nach Hyperborea eigenständig zu erkunden, aber auch Seereisen in kleinerem Maßstab, etwa zwischen den verschiedenen Regionen des helladischen Raumes, werden damit deutlich vereinfacht.

Der zweite Vorteil ist eine Erweiterung des Handlungsspielraums und damit der Abenteuermöglichkeiten. Eine kleine Inselpolis wird von einem tyrannischen Herrscher unterdrückt? Vielleicht lässt sich seine Akropolis wenn nicht mit fünf, dann zumindest mit fünfzig wagemutigen Recken erobern. Ein Riesenkraken terrorisiert die Meerenge von Kos? Mit einem eigenen Schiff und ein paar Ballisten kann man Jagd auf ihn machen. Eine Apoikia (Kolonie) der Heimatpolis der Charaktere droht in eine Hungersnot zu geraten? Das eigene Schiff kann den dringend benötigten Nahrungstransport durchführen. Eine Küstensiedlung wird regelmäßig von Piraten heimgesucht? Mit einem eigenen Schiff kann man sie verfolgen. Die Götter verlangen die Bergung eines Telesmas aus einem weit entferndem Land? Das eigene Schiff führt die Heroen an Orte, wo niemand sonst sie hinbringen will. Und, und, und – die Handlungs- und Abenteueroptionen der Helden werden durch ein Schiff deutlich erweitert.

Drittens bietet die Mannschaft die Möglichkeit, feste NSC ins Spiel zu integrieren und mit auf Abenteuer zu nehmen, etwa um fehlende Kompetenzen der SC zu kompensieren oder verschiedene Aufgaben (wie Wache halten, Nahrungsbeschaffung, Auskundschaften der unbekannten Insel etc.) zu erledigen, damit die Heroen sich um’s Wesentliche kümmern können. Die Mannschaft will gleichzeitig bei Laune gehalten werden, sei es durch Beute oder ruhmreiche Abenteuer – was ebenfalls eine ganz eigene Herausforderung sein kann. Gleichzeitig bieten Schiff und Mannschaft die Gelegenheit zu einer „Charakterentwicklung“ (im weiteren Sinne) jenseits der eigenen Spielerfigur; die Gefolgsleute können eigene Wertesätze und Fähigkeiten verbessern, das Schiff muss repariert, kann mit der Zeit aufgerüstet oder gegen ein größeres ersetzt werden und so weiter – hier kommt eine zusätzliche Ebene ins Spiel, auf der sich interessierte Spieler austoben können, die sich bei Belieben aber auch nur erzählerisch abhandeln lässt.

.

Strukturen und Mechaniken

Diese ganzen Ansprüche in möglichst handliche Mechanismen zu gießen klingt einfacher, als es ist. Man nehme als Beispiel mal die Mannschaft – vermutlich haben die wenigsten Lust, 30 bis 50 NSC auszuarbeiten und aus diesen Durchschnittswerte zu berechnen, wenn es etwa um deren Bonus auf die Kommandoproben bei Seegefechtsmanövern geht.

Grob in vier Bereiche unterteilt, soll die Heldenfahrt folgende Mechanismen unterstützen:

Das eigene Schiff:

  • Kampf- und sonstige Werte (z.B. Ladung, Geschwindigkeiten etc.)
  • Verbesserungsmöglichkeiten (z.B. Pfeilfänger, Rammsporn, Kajüte, verstärkten oder erleichterten Rumpf etc.)

Die Mannschaft:

  • Rekrutierung (mit passenden Proben und Zufallseffekten)
  • Loyalität und deren Veränderung
  • Werte und deren Einfluss auf Proben der Spielercharaktere

Alltag einer Heldenfahrt

  • Einsatz der Mannschaft (als Gefolgsleute an Land, für Unterstützung oder selbstständige Aufgaben etc.)
  • Versorgung mit Proviant und Wasser
  • Reisegeschwindigkeiten (Segeln/Rudern)
  • Unterhalt und Reparatur des Schiffs
  • Handel, Piraterie und Plünderungen

Die Heldenfahrt als Abenteuer (Spielleiterteil)

  • Verbündete Siedlungen, wie man sie bekommt und was sie den Helden bringen (z.B. günstigere Preise, neue Rekruten, vielleicht ein geregeltes Einkommen in Form von Handelswaren o.ä.)
  • Zufallstabellen in Massen: z.B. für Inseln, Siedlungen, Bewohner, Begegnungen auf See, Abenteueraufhänger oder Konflikte in/mit der Mannschaft etc.

Zum Glück gibt es bereits Regeln für Schiffs- und Massenkämpfe sowie ein Beute-System, das sich als Basis für Handelsfahrten oder Plünderungen im größeren Maßstab eignet.

Wahrscheinlich werde ich in nächster Zeit noch ein paar Artikel zu diesem Themenkomplex veröffentlichen – mit Designüberlegungen und Vorschauen zum Diskutieren. Bis dahin schreibt mir gerne Kommentare, was Ihr von einem solchen Subsystem haltet, ob Ihr Vergleichbares (und gut spielbares) aus anderen Rollenspielen kennt und wie genannnte Punkte dort geregelt sind.

4 Kommentare zu “Pandora – Die Heldenfahrt

  1. […] erlaubt, mit einer Schar von Gefolgsleuten und einem eigenen Schiff auf Abenteuer auszuziehen. Im vorherigen Artikel habe ich einen kurzen Überblick gegeben, hier soll es nun um das wesentliche Element der […]

  2. […] einem ersten Überblick über den Komplex der Heldenfahrt habe ich im letzten Artikel meinen Entwurf zu Regeln für […]

  3. […] den vorherigen Beiträgen ging es um die Grundidee der Heldenfahrt, um Gefolgsleute und Schiffe. Im aktuellen Artikel möchte ich den bisherigen Stand zu weiteren […]

  4. […] einer kurzen Vorstellung der Heldenfahrt gibt es diesmal wieder einen Werkstattbericht zu einem abstrakteren Kapitel von Pandora, und zwar […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..